Donnerstag, 4. Februar 2016

Pharisäer Reloaded - oder vom Reiz der "Reizwörter"




Jesus stritt sich oft mit den Pharisäern. Nicht etwa, weil das böse Menschen waren. Im Gegenteil, sie meinten es sogar gut - in ihrem Sinne. Sie waren darauf bedacht, den Alltag peinlich genau nach den religiösen Regeln zu gestalten. Aber nicht nur ihren eigenen Alltag, sondern der Alltag aller. Anders gesagt: sie konnten gehörig auf die Nerven gehen! Mehr als ihre Pedanterie hielt ihnen Jesus ihre verdrehte Motivation vor.



Wenn wir heute von "Pharisäertum" sprechen, meinen wir nicht mehr eine der unzähligen Gruppen, die zu biblischen Zeiten ihre Vorstellungen von Religion durchsetzen wollten, sondern wir meinen eine Haltung.
Heutige "Pharisäer" sind Leute, die sich  ständig ins Leben anderer einmischen, um sie zu korrigieren. Sie fällen gerne moralische Urteile über andere und fühlen sich gut dabei.

Lange galt dieses Verhalten als unhöflich oder impertinent. In den letzten 10 Jahren aber beobachte ich ein dramatisches Anschwellen pharisäischer Besserwisserei und moralischen Auswurfs.

Selbstverständlich darf jeder seine Meinung zu allem haben und so leben, wie er es für richtig hält. Aber die Neopharisäer machen aus allem eine Glaubensfrage, nach der sie die Welt in gut und böse einteilen. In allen noch so nebensächlichen Fragen spaltet sich die Gesellschaft in zwei Lager: Impfgegner /-befürworter, Fleischesser/Veganer, Reformpädagogen/Alte Schule-Bildungstheoretiker, Ehe für alle/-nur für Mann und Frau etc. etc. etc. von Politik und Religion ganz zu schweigen.

Man könnte sagen, Lagerbildungen gehörten zum demokratischen Diskurs. Die einen sind dafür, die anderen dagegen, so what. Was dabei aber immer mehr unter die Räder gerät, ist die sachlich-inhaltliche Auseinandersetzung. Wenn pharisäische Gegner einen sofort des Rassismus bezichtigen, sobald man sich kritisch zu gewissen Religionen oder Volksgruppen äussert, heisst das, man WILL keine Diskussion. Gewisse Themen werden mit einem Tabu belegt. Um so stärker bildet sich dann auf der Gegenseite ein eigenes Pharisäertum und bald erstickt die Debatte unter der Last der gegenseitigen Schulzuweisungen und moralischen Verunglimpfungen.

Da übrigens die heutigen Pharisäer wissen, dass sie überhaupt nicht beeinflussen können, was andere Menschen TUN, versuchen sie wenigstens Einfluss zu nehmen, wie andere REDEN (zumindest ihnen   SPRACHLICH ein schlechtes Gewissen zu machen

Man erkennt die Neopharisäer schon an ihren ersten REAKTIONEN auf gewisse REIZWÖRTER.

Anstatt nun Reizwörter zu vermeiden, um sich nicht dem Zorn irgendwelcher Besserwisser auszusetzen, sollte man umgekehrt ein reizvolles gesellschaftliches Experiment verfolgen: anhand der Reizwörter und der Reaktionen die Pharisäergruppe  identifizieren und die Pharisäerstärke  berechnen.

Sprechen Sie also in einer Gruppe das Wort "Islamisierung" aus - und schauen Sie, wie das Gegenüber reagiert. Oder das Wort "EU-Skeptiker" oder "EU-Beitritt" oder "Genderismus" oder "Feminismus" oder "Linke" oder "Homöopathie" oder "Schulmedizin".

Wenn das Gegenüber nicht nachfragt, was und wie Sie es genau meinen, sondern sofort ein Statement parat hält ("das ist rassistisch/das ist Kuscheljustiz/das ist aber beleidigend" etc.), wissen Sie, dass Sie einen Neopharisäer vor sich haben.

Schreiben Sie in die Kommentarspalte, was Sie mit diesem Experiment für Erfahrungen gesammelt haben. Wir sind gespannt!

(P.S. eine erste Reaktion auf diesen Blog stammt von einer Religionswissenschaftlerin. Sie weist mich darauf hin, dass ich den Begriff "Pharisäer" pejorativ verwende und somit potentiell eine Bevölkerungsgruppe verunglimpfe. Potentiell auch nur deshalb, weil es diese Gruppe seit ca. 1900 Jahren nicht mehr gibt)










Donnerstag, 28. Januar 2016

Ausverkauf! Europas wahre Werte.




Micheline Calmy Rey, das ist die links

Das Pferd darf unverhüllt bleiben



Zwischen diesen Bildern liegen fast 8 Jahre:
Die damalige Bundesrätin Micheline Calmy-Rey trägt bei ihrem Besuch 2008 im Iran ein Kopfschleier.

Heuer lässt die italienische Regierung die Statuen im Campidoglio verhüllen, um dem iranischen Präsidenten Rohani den Anblick nackter Skulpturen zu ersparen. Der könnte sich sonst in seinem Schamgefühl verletzt fühlen.

Calmy Rey, die eines Gasdeals wegen in Teheran weilte, benahm sich wie ein Gast, der sich den Gepflogenheiten des Gastgebers anpasste. So zumindest lautet die wohlwollende Auslegung ihrer Kleiderwahl.
Italiens Premier Renzi versteht Gastfreundschaft offenbar umgekehrt: Er passt sich dem Gast an.

Der Shitstorm ist natürlich vorprogrammiert. Ebenso wie die Diskussionen über westliche Werte, die wir den Empfindlichkeiten muslimischer Politiker zu opfern bereit sind.

2014 ging Real Madrid noch weiter. Für arabische Sponsoren entfernte der renommierte Fussballclub das Kreuz auf seinem Wappen.


Finde den Unterschied


Es drängen sich zwei Fragen auf. Die eine ist politisch nicht korrekt. Sie lautet: Was ist das für eine Kultur, die den Anblick von Kreuzen, nackten Statuen und weiblicher Haarpracht nicht erträgt und Empörung zum Lebensstil erklärt?

Die zweite Frage betrifft uns selbst: Wieso sind wir so schnell bereit, westliche Identitätsmerkmale wie Pickel zu kaschieren, nur weil sie andere "beleidigen" könnten?

Die Antwort darauf liefert das nächste Beispiel. In der Schweiz wird ein nationales Burkaverbot nach dem Vorbild Belgiens und Frankreichs diskutiert. Nun hat die Ständeratskommission von einem solchen Verbot abgeraten. Ein Argument lautet, es habe so wenig Burkaträgerinnen in unserem Lande, da sei ein Verhüllungsgesetz absurd. Das eigentliche Hauptargument aber ist ein anderes:
Das Verbot beträfe vor allem zahlungskräftige Touristinnen aus arabischen Ländern, die dann nicht mehr zu uns kämen. Das könnte sich auf den Tourismus negativ auswirken.




Das erste ist ein Scheinargument: Es gibt auch sehr wenige Nacktwanderer oder private Schnapsbrenner und trotzdem sind ihre Aktivitäten verboten.
Das zweite Argument besagt: Solange Burkaträgerinnen Rolex Uhren kaufen und in Luxushotels nächtigen, wollen wir uns keine Gedanken machen über Menschenrechte in Saudi-Arabien oder die Signalwirkung weiblicher Verhüllung.

"Westliche Werte" ist nur eine Worthülse. Denn offensichtlich gibt es nur EINEN WERT: den des Euros, des Schweizer Frankens, des Dollars. Ihm ist Real Madrid bereit, sein Kreuz zu opfern. Renzi hat diese Woche über ein Dutzend Geschäftsabkommen mit dem Iran unterzeichnet.

Mir war immer unerklärlich, wie der von mir hoch geschätzte Songwriter  Randy Newman ein textlich und musikalisch so schlechtes Lied schreiben konnte wie "It's money that matters".

Nun dämmert es mir langsam: Die Opferung der eigenen Ideale auf dem Altar des Mammons ist im Grunde so ernüchternd und banal, dass sie kein besseres Lied verdient.

It's money that matters /
this is what I say /
It's money that matters /
In the USA /

Es wäre an der Zeit, eine europäische Coverversion einzuspielen.



Donnerstag, 5. November 2015

Quantum Jesus – (Teil 2): Zwischen Märchen und göttlichem Eingriff





Bevor wir uns den quantenphysikalischen Phänomenen und ihren theologischen Implikationen  zuwenden, gehen wir einen Schritt zurück.

Wer heute die Bibel liest oder eine Predigt hört, kommt nicht umhin, sich zum Gehörten und/oder Gelesenen zu positionieren. Dies geschieht zwischen den zwei Extremen „Was in der Bibel steht, ist wahr und wörtlich zu verstehen“ und „Die Bibel ist ein Märchenbuch mit erfundenen Geschichten zwecks Machtausübung über die Gläubigen“.

Auf dieser Skala finden sich viele Zwischenstufen, Einstellungen wie

        -    die Bibel wurde den Autoren von Gott wörtlich eingegeben, deshalb ist sie irrtumslos
-       die Bibel wurde von Menschen geschrieben (daher enthält sie auch Fehler), welche ihre Erfahrungen mit Gott beschrieben (daher enthält sie auch Wahrheit)
-       die Bibel ist ein Gemisch aus Erfahrung und ihrer religiöse Interpretation, deshalb muss man sie in ihrer Entstehungszeit verstehen, um sie für heute zu interpretieren
-       die Bibel enthält zeitlose Wahrheiten, die in Symbolen ausgedrückt werden. Die Symbole wirken in der Tiefe der menschlichen Seele. Eine wörtliche Interpretation würde dem nicht gerecht.



Den unterschiedlichen Einstellungen zur Bibel entsprechen verschiedene theologische Lager oder Schulen.

Im FUNDAMENTALISMUS müsste man eigentlich alles wörtlich nehmen. Die Welt entsteht in 6 Tagen à 24 Std. zum Beispiel.  Doch sogar Fundamentalisten können unmöglich alles wörtlich nehmen.

Die EVANGELIKALE und die konservative Theologie kennt die Devise: „Gotteswort in Menschenwort“, d.h. sie macht INNERHALB der Bibel bereits eine Differenz aus zwischen Göttlichem und Menschlichem. Nicht alles ist wörtlich zu verstehen, und es ist die Aufgabe der Exegeten auszulegen, was jetzt wie gilt.

Die HISTORISCH-KRITISCHE Auslegungsmethode fragt nach der Entstehung der Texte. Nach den historischen Umständen, nach religionsgeschichtlichen Parallelen und kulturellen Bedingungen. Indem wir dies alles verstehen, verstehen wir besser, was der Text DAMALS sagen wollte. Der Transfer in die Gegenwart hingegen kann diese Methode nicht an sich leisten.

Das Problem bleibt also bestehen: wie kann ein Text von DAMALS auch HEUTE noch irgend etwas bedeuten oder bewirken?
Psychologische, existenzielle/existenzialistische Ausleger würden sagen: die Bilder, die verwendet werden (z.B. die Geschichten vom verlorenen Sohn, von der auferweckten Tochter etc.), sind so stark, dass sie auch heutige Menschen ansprechen.  Daher ist es UNERHEBLICH, ob diese Geschichten irgendwelchen Fakten entsprechen oder „erfunden“ sind. Selbst dann nämlich, wären sie nicht erfunden, sondern „gefunden“ im reichen Fundus unserer seelischen Kräfte, unseres kollektiven Unterbewusstseins.
Diese letzte Position (vertreten etwa durch Tillich, Bultmann, Drewermann) wird natürlich von Fundamentalisten heftig kritisiert. Aber ebenso können wissenschaftliche Skeptiker damit wohl wenig anfangen. Zumindest würden sie sagen: schön und gut, dann bestehen die Evangelien halt aus „frommen Lügen“, die gut gemeint sind. Letztlich aber bleiben sie erfunden Geschichten, die sich so nie zugetragen haben.



Wie immer wir uns also zur Bibel, zum Glauben etc. positionieren, es bleibt problematisch. Und das ist auch gut so, denn das Problematische macht es ja erst spannend.

Sind also die Wunder- und Heilungsgeschichten der Bibel wörtliche Widergaben von Ereignissen oder frei erfundene Stories?

Der Zugriff auf die Wissenschaft scheint IM ERSTEN MOMENT alle biblischen Berichte dem Reich der Märchen und Legenden zuzuweisen. Bei GENAUEREM HINSEHEN tut sich überraschend aber eine DRITTE PERSPEKTIVE auf.


Es gibt z.B. Heilungsgeschichten, die DAMALS als Wunderheilungen verstanden wurden und die wir heute mit dem uns zur Verfügung stehendem Wissen aus Psychologie, Psychosomatik und Systemischen Theorien sehr wohl erklären können. Viele Geschichten von Krankenheilungen könnten sich also sowohl als wörtlich/faktisch "wahr" wie auch als wissenschaftlich haltbar herausstellen. Dabei wäre allerdings NICHTS ÜBERNATÜRLICHES geschehen. Übrigens berichten auch die Evangelium davon, dass Jesus manchmal NICHT HEILEN konnte. Ebenso, dass Jesus oft den Geheilten sagte: "Dein Glaube (=Vertrauen) hat dir geholfen". 

Ein dritte Perspektive also versucht plausible Erklärungen für die biblischen Berichte zu finden. Manchmal gelingt das, manchmal auch nicht. Oder NOCH nicht. Oder aber die Geschichte wird tatsächlich als wissenschaftlich/faktisch unhaltbar ersichtlich (zum Beispiel die Geschichte vom Weinwunder, das bezeichnenderweise nur in einem der vier Evangelien, bei Johannes, erzählt wird). 
Dann wird man historisch-kritisch entschlüsseln wollen, was der Autor mit einer solchen Erzählung bezweckte.








Dienstag, 3. November 2015

Quantum Jesus (neue Serie)


 
Theologen sollten sich unbedingt mit Quantenphysik beschäftigen
(Teil 1)



Wie viele Pfarrerinnen und Pfarrer kennen sich mit dem Nullpunkt-Feld, dem Phänomen der Verschränkung von Elementarteilchen oder dem nichtlokalen Informationsaustausch aus?

Was die Erforschung der kleinsten Einheiten der Materie und der physikalischen Wirkkräfte seit 100 Jahren zutage gefördert hat, ist derart revolutionär, dass die Grundlagen unseres modernen Weltbildes (ja, auch des traditionellen wissenschaftlichen Weltbildes) neu durchdacht werden müssen.  Die Theologie sollte sich hier nicht zurück halten.

Die Naturgesetze, die wir in der Alltagswelt als gegeben hinnehmen, werden im subatomaren  Raum plötzlich ausser Kraft gesetzt. Manche Wissenschaftler gehen mittlerweile davon aus, dass es Materie als solche gar nicht gibt, bzw. nicht so, wie wir sie uns vorstellen, nämlich als kleine feste Einheiten (z.B. Atome), die sich dann zu immer grösseren Einheiten formieren. Je weiter man in den Kern der Teilchen vordringt, desto mehr zeigt sich, dass es Energieschwingungen gibt (die wir als materiell wahrnehmen) und sehr viel Leere dazwischen. Die Grundlage der Materie ist selbst nicht materiell.  Wenn das keine wissenschaftliche Sensation für einen Theologen ist!

Nun ist das Gespräch zwischen Quantenphysik und Religion alles andere als neu. Nicht nur, dass bereits die Pioniere der Quantenphysik sich angesichts der erstaunlichen Beobachtungen mit Begriffen wie Geist, Nichts, Gott beschäftigten. Gewisse Forscher nahmen später den Dialog mit Religionsvertretern und spirituellen Führern tatsächlich auf. Nur, dass es sich bezeichnenderweise vor allem um Vertreter fernöstlicher Religionen handelte.

Die christliche Theologie hinkte hier einmal mehr der Zeit hinterher. Zum einen, weil sie sich selten nach den neuesten Trends gerichtet hat; und wenn, dann mit grosser Verspätung. Zum andern aber, weil sie immer noch grossmehrheitlich dogmatisch denkt:
Phänomene, die nicht ins gewohnte Schema passen, werden auf ihre Kompatibilität mit der „biblischen Lehre“ oder  dem „christlichen Weltbild“ hin geprüft und entsprechend kritisch behandelt. Die kritische Auseinandersetzung ist selbstverständlich das A und O jeder Wissenschaft. Nur hat die Theologie oft Mühe, neue und fachfremde Erkenntnisse auch in ihr Lehrgebäude zu integrieren. Solches gelingt eher einzelnen Exponenten, die damit ungewollt polarisierend wirken.

Pfarrerinnen und Pfarrer sollten sich unbedingt mit Quantenphysik beschäftigen. Sie, die Predigerinnen und Prediger, suchen ja immer nach anschlussfähiger christlichen Rede. 
Paulus benutzte die Rhetorik und die Sinnbilder seiner Zeit; Johannes die Sprache der Gnostiker. Bultmann erschloss den Existenzialismus für das Christentum; die Befreiuungstheologen die marxistische Analyse und Tillich und Drewermann die (Psycho-)Analyse der Seele. Jeder auf seine Art verwendete eine Sprache, die auch Kirchenferne und Skeptiker überzeugte. Sie malten die befreiende Botschaft, dass jedes Leben bedingungslos geliebt ist, mit Bildern, die die Menschen ihrer Zeit nachvollziehen konnten.


Diese Serie wird sich nun mit den Bildern beschäftigen, welche die Quantenphysik für uns bereit hält.


Weiterführende Literatur:

Einführungen ins Thema
Don MacGregor: Wissenschaft und Transzendenz: Zwei Sichtweisen - eine Welt 

Hans-Rudolf Stadelmann: Im Herzen der Materie. Glaube im Zeitalter der Naturwissenschaften
Ulrich Warnke: Quantenphilosophie und Spiritualität - Der Schlüssel zu den Geheimnissen des menschlichen Seins 

Anselm Grün / Michael Grün: Zwei Seiten einer Medaille. Gott und die Quantenphysik

Google-Begriffe / Wikipedia-Artikel:
Hans-Peter Dürr
David Bohm
Werner Heisenberg
Niels Bohr





Donnerstag, 29. Oktober 2015

Minderheiten gesucht (zwecks Wohltätigkeitskonzert)


Solidaritätskundgebungen werden immer rarer.

 

Ein Gastbeitrag von Håkon Krähenbühl



Jahrelang gab ich mit meiner Band  Wohltätigkeitskonzerte. Man verdient nichts dabei. Aber fühlt sich so gut, so... solidarisch. Und man gewinnt Hunderte neuer Zuschauer. Dankbare Zuschauer, denn sie schätzen nicht nur die Musik, sondern auch den guten Zweck. „GGG“ nennen wir das: Gutes-Gewissen-Groove. Unser Bassist kam beim weiblichen Publikum - er nennt sie Ökogroupies - ganz speziell gut an. Wenn Sie wissen, was ich meine.







Zwischen 1999 und 2006 spielten wir u.a. an Anlässen wie

Rock gegen Hass in Jestetten 1999

Jazz against Racism 2006

Solidarité pour les Sans-Papiers, Genf

Dein Los - Obdachlos (Grosse Brücke Bern)

Concert for Ökobauern - Teppichzentrum Sihltal

Musik gegen Arbeitslosigkeit - von arbeitslosen Musikern (Schaffhausen 98)

Increase Genderstudies  - Universität Kabul 2005

„No needles – no Problems“ Open-Air Platzspitz  2002

Aus dieser Zeit könnte ich viele Anekdoten erzählen, klar. Zum Beispiel als unser Bassist nach dem Konzert zugunsten des Methadonprogramms einem Süchtigen 20g Haschisch verkaufte.
Oder als sich herausstellte, dass es sich bei den Obdachlosen und den Sans-Papiers um die selben Personen handelte. Am Konzert für die Obdachlosen erschienen übrigens keine Obdachlosen, was die Organisatoren so erklärten, dass diese lieber „zuhause“ bleiben würden.
Ich könnte viel erzählen: vom Interview, das ein Randständiger auf Tele Bern gab, wo er sagte: „Ich habe es so satt, ständig von eingebildeten Musikern als Minderheit funktionalisiert zu werden, an der sie ihr Ego narzisstisch aufblähen können!!“
Oder als beim „Rock gegen Hass“-Festival sich zwei verfeindete Bands in der Garderobe prügelten. Oder vom „Niemand ist illegal“-Konzert in Wetzikon, welches die Polizei abbrach, weil das Konzert illegal war. Und noch heute lachen wir über unseren Bassisten (immer er!), der die ganze Kollekte  für die Bergbauern (Fr. 27.50) an der Bar wieder ausgab.


Seit   neun Jahren spielen wir keine Wohltätigkeitsgigs mehr. Niemand organisert nämlich welche. Das hat damit zu tun, dass es in der Schweiz immer mehr Minderheiten gibt, die jeweils immer weniger Leute umfassen. Auf Anfrage meinte ein auf Wohltätigkeit spezialisierter Konzertveranstalter, er würde nur Charity-Konzerte für Minderheiten auf die Beine stellen, die mehr als 50 Angehörige haben. In der Schweiz lohne sich das nicht.


Immer kleinere Minderheiten (hier die Minderheit der Kinder ohne iPhone)


Wir haben schon versucht, auf deutschen Festivals aufzutreten. Doch bei „ Setze ein Zeichen gegen Fremdenfeindlichkeit“ blitzten wir als Schweizer ab. „Tut in eurem eigenen Land etwas dagegen!“, hiess es.  Wir wollen nun etwas zugunsten der Flüchtlinge in der Schweiz tun und haben den oben erwähnten Konzertveranstalter nochmals kontaktiert. Es seien zur Zeit noch zu wenige Flüchtlinge hier, meinte er, aber für 2016 sehe es eventuell besser aus.


Freitag, 25. September 2015

AC/DC und der Vatikan oder: Wer auf Reformen hofft, ist selber schuld! ----------- Eine Glosse.



Was haben AC/DC, Status Quo und die Katholische Kirche gemeinsam?  Sie sind seit Jahren mit dem Ewiggleichen erfolgreich.


Seit dem Amtsantritt des gegenwärtigen Papstes wollen Kommentatoren und Kaffeesatzleser aus Sätzen und Gesten des Pontifex eine Tendenz zur Erneuerung erkennen. Sogar Protestanten bekunden immer wieder ihre Hoffnungen auf Reformen in der Schwesterkirche. Vergebliche Liebesmüh:
Sollten sich die Katholiken reformieren (Zölibat, Frauenordination etc.), wären sie ja Reformierte.

Die Kirchen mögen ihr Selbstverständnis auf Gott, Jesus und die Apostel gründen ("Ekklesiologie" im Fachjargon), in der Welt funktionieren sie nunmal aber nach weltlichen Massstäben, d.h. wie Betriebe, Institutionen und Vereine. Manchmal sogar wie Rockbands.



Status Quo: 3 Akkorde in 40 Jahren



Status Quo (der Name ist Programm) spielen seit über 40 Jahren bekennenderweise dieselben Lieder mit denselben 3 Akkorden. Selbstironisch wie Briten nunmal sind, nannten sie eins ihrer Alben "In Search of the Fourth Chord" - auf der Suche nach dem vierten Akkord. Ihr Publikum würde aber einen solchen vierten Akkord nicht ertragen (erst recht nicht, würde es sich um einen jazzigen dim7#11 handeln), genau so wenig darf Angus Young, der sechzigjährige AC/DC-Gitarrist seine Schuluniform gegen ein altersgemässeres Kleidungsstück eintauschen. Der Erfolg dieser Bands liegt im Wiederholen der bekannten Gesänge, Posen und Rituale begründet. - Genau dasselbe gilt für die katholische Liturgie, die von Polen bis Venezuela zu allen Zeiten dieselbe sein soll.

60jähriges Nachwuchstalent A. Young


Erfolgreiche Bands sind sofort erkennbar aufgrund der Merkmale, die sie einzigartig machen. Im Marketing nennt man das USP.

Auch auf dem "Supermarkt der Religionen" (vgl. F.W. Graf "Götter Global") bedarf es der unique selling propositions, der USP, zu Deutsch: Alleinstellungsmerkmale. Sie machen eine Religion sichtbar und definieren deren Abgrenzungen.

Die USP der Katholiken: das sind die, die nicht heiraten dürfen und gegen Verhütung sind!
Die USP der Orthodoxen: das sind die, die mit ihrem Staat verbandelt sind.
Die USP der Freikirchen: das sind die, für die man sich entscheiden muss.
(Innerhalb der Freikirchen sticht der ICF aufgrund einer extrem profilierten USP heraus: das sind die, welche die Amerikanisierung der Religion auf die Spitze treiben).
Sogar die Zeugen Jehovas haben eine markante USP: das sind die, die Samstag morgens vor der Tür stehen und sich im Weltuntergangsdatum notorisch verrechnen.

Welche unique selling proposition hat die Reformierte Kirche anzubieten?
Früher hiess es: das sind die, die nicht katholisch sind. Heute reicht den Reformierten ein negativ formuliertes Alleinstellungsmerkmal nicht. Zumal man ja ökumenisch offen sein will. Allein, USPs leben auch von Abgrenzungen und damit tun sich die Reformierte seit längerem schwer. Ökumene muss der USP nicht an sich abträglich sein, ganz im Gegenteil: Taizé lebt davon, dass es ein ökumenisches...oder reformiertes?...oder kommt-es-überhaupt-drauf-an?-Kloster ist.

Aber die reformierte USP, was könnte das sein?


Für weiterführende Gedanken dankbar wäre
B. Amatruda