Donnerstag, 29. Oktober 2015

Minderheiten gesucht (zwecks Wohltätigkeitskonzert)


Solidaritätskundgebungen werden immer rarer.

 

Ein Gastbeitrag von Håkon Krähenbühl



Jahrelang gab ich mit meiner Band  Wohltätigkeitskonzerte. Man verdient nichts dabei. Aber fühlt sich so gut, so... solidarisch. Und man gewinnt Hunderte neuer Zuschauer. Dankbare Zuschauer, denn sie schätzen nicht nur die Musik, sondern auch den guten Zweck. „GGG“ nennen wir das: Gutes-Gewissen-Groove. Unser Bassist kam beim weiblichen Publikum - er nennt sie Ökogroupies - ganz speziell gut an. Wenn Sie wissen, was ich meine.







Zwischen 1999 und 2006 spielten wir u.a. an Anlässen wie

Rock gegen Hass in Jestetten 1999

Jazz against Racism 2006

Solidarité pour les Sans-Papiers, Genf

Dein Los - Obdachlos (Grosse Brücke Bern)

Concert for Ökobauern - Teppichzentrum Sihltal

Musik gegen Arbeitslosigkeit - von arbeitslosen Musikern (Schaffhausen 98)

Increase Genderstudies  - Universität Kabul 2005

„No needles – no Problems“ Open-Air Platzspitz  2002

Aus dieser Zeit könnte ich viele Anekdoten erzählen, klar. Zum Beispiel als unser Bassist nach dem Konzert zugunsten des Methadonprogramms einem Süchtigen 20g Haschisch verkaufte.
Oder als sich herausstellte, dass es sich bei den Obdachlosen und den Sans-Papiers um die selben Personen handelte. Am Konzert für die Obdachlosen erschienen übrigens keine Obdachlosen, was die Organisatoren so erklärten, dass diese lieber „zuhause“ bleiben würden.
Ich könnte viel erzählen: vom Interview, das ein Randständiger auf Tele Bern gab, wo er sagte: „Ich habe es so satt, ständig von eingebildeten Musikern als Minderheit funktionalisiert zu werden, an der sie ihr Ego narzisstisch aufblähen können!!“
Oder als beim „Rock gegen Hass“-Festival sich zwei verfeindete Bands in der Garderobe prügelten. Oder vom „Niemand ist illegal“-Konzert in Wetzikon, welches die Polizei abbrach, weil das Konzert illegal war. Und noch heute lachen wir über unseren Bassisten (immer er!), der die ganze Kollekte  für die Bergbauern (Fr. 27.50) an der Bar wieder ausgab.


Seit   neun Jahren spielen wir keine Wohltätigkeitsgigs mehr. Niemand organisert nämlich welche. Das hat damit zu tun, dass es in der Schweiz immer mehr Minderheiten gibt, die jeweils immer weniger Leute umfassen. Auf Anfrage meinte ein auf Wohltätigkeit spezialisierter Konzertveranstalter, er würde nur Charity-Konzerte für Minderheiten auf die Beine stellen, die mehr als 50 Angehörige haben. In der Schweiz lohne sich das nicht.


Immer kleinere Minderheiten (hier die Minderheit der Kinder ohne iPhone)


Wir haben schon versucht, auf deutschen Festivals aufzutreten. Doch bei „ Setze ein Zeichen gegen Fremdenfeindlichkeit“ blitzten wir als Schweizer ab. „Tut in eurem eigenen Land etwas dagegen!“, hiess es.  Wir wollen nun etwas zugunsten der Flüchtlinge in der Schweiz tun und haben den oben erwähnten Konzertveranstalter nochmals kontaktiert. Es seien zur Zeit noch zu wenige Flüchtlinge hier, meinte er, aber für 2016 sehe es eventuell besser aus.


Freitag, 25. September 2015

AC/DC und der Vatikan oder: Wer auf Reformen hofft, ist selber schuld! ----------- Eine Glosse.



Was haben AC/DC, Status Quo und die Katholische Kirche gemeinsam?  Sie sind seit Jahren mit dem Ewiggleichen erfolgreich.


Seit dem Amtsantritt des gegenwärtigen Papstes wollen Kommentatoren und Kaffeesatzleser aus Sätzen und Gesten des Pontifex eine Tendenz zur Erneuerung erkennen. Sogar Protestanten bekunden immer wieder ihre Hoffnungen auf Reformen in der Schwesterkirche. Vergebliche Liebesmüh:
Sollten sich die Katholiken reformieren (Zölibat, Frauenordination etc.), wären sie ja Reformierte.

Die Kirchen mögen ihr Selbstverständnis auf Gott, Jesus und die Apostel gründen ("Ekklesiologie" im Fachjargon), in der Welt funktionieren sie nunmal aber nach weltlichen Massstäben, d.h. wie Betriebe, Institutionen und Vereine. Manchmal sogar wie Rockbands.



Status Quo: 3 Akkorde in 40 Jahren



Status Quo (der Name ist Programm) spielen seit über 40 Jahren bekennenderweise dieselben Lieder mit denselben 3 Akkorden. Selbstironisch wie Briten nunmal sind, nannten sie eins ihrer Alben "In Search of the Fourth Chord" - auf der Suche nach dem vierten Akkord. Ihr Publikum würde aber einen solchen vierten Akkord nicht ertragen (erst recht nicht, würde es sich um einen jazzigen dim7#11 handeln), genau so wenig darf Angus Young, der sechzigjährige AC/DC-Gitarrist seine Schuluniform gegen ein altersgemässeres Kleidungsstück eintauschen. Der Erfolg dieser Bands liegt im Wiederholen der bekannten Gesänge, Posen und Rituale begründet. - Genau dasselbe gilt für die katholische Liturgie, die von Polen bis Venezuela zu allen Zeiten dieselbe sein soll.

60jähriges Nachwuchstalent A. Young


Erfolgreiche Bands sind sofort erkennbar aufgrund der Merkmale, die sie einzigartig machen. Im Marketing nennt man das USP.

Auch auf dem "Supermarkt der Religionen" (vgl. F.W. Graf "Götter Global") bedarf es der unique selling propositions, der USP, zu Deutsch: Alleinstellungsmerkmale. Sie machen eine Religion sichtbar und definieren deren Abgrenzungen.

Die USP der Katholiken: das sind die, die nicht heiraten dürfen und gegen Verhütung sind!
Die USP der Orthodoxen: das sind die, die mit ihrem Staat verbandelt sind.
Die USP der Freikirchen: das sind die, für die man sich entscheiden muss.
(Innerhalb der Freikirchen sticht der ICF aufgrund einer extrem profilierten USP heraus: das sind die, welche die Amerikanisierung der Religion auf die Spitze treiben).
Sogar die Zeugen Jehovas haben eine markante USP: das sind die, die Samstag morgens vor der Tür stehen und sich im Weltuntergangsdatum notorisch verrechnen.

Welche unique selling proposition hat die Reformierte Kirche anzubieten?
Früher hiess es: das sind die, die nicht katholisch sind. Heute reicht den Reformierten ein negativ formuliertes Alleinstellungsmerkmal nicht. Zumal man ja ökumenisch offen sein will. Allein, USPs leben auch von Abgrenzungen und damit tun sich die Reformierte seit längerem schwer. Ökumene muss der USP nicht an sich abträglich sein, ganz im Gegenteil: Taizé lebt davon, dass es ein ökumenisches...oder reformiertes?...oder kommt-es-überhaupt-drauf-an?-Kloster ist.

Aber die reformierte USP, was könnte das sein?


Für weiterführende Gedanken dankbar wäre
B. Amatruda

Dienstag, 18. August 2015

Verfahren am Hals - Diskurs und Verrechtlichung

Früher waren es die Kirchen, welche über die Moral ihrer Schäfchen wachten.
Zum Glück ist in unseren Breitengraden der klerikale Einfluss weitgehend zurück gedrängt worden: Der liberale Staat wird von mündigen Bürgern gebildet und bringt mündige Bürger hervor - zumindest in der Theorie. Dieser freie Bürger bedient sich rationaler Argumente, um seine Ideen oder gar Interessen zu vertreten und begibt sich mit den anderen Bürgern in einen öffentlichen Diskurs, in welchem der "zwanglose Zwang des besseren Argumentes" (Habermas) die Oberhand behält.
Anders gesagt; wir dürfen über alles reden und debattieren. Die besten Argumente werden sich kraft ihrer Überzeugungskraft durchsetzen. Das gelingt nicht immer, sogar eher selten. Aber es gilt als das liberale Ideal.

Nun ist aber seit einiger Zeit etwas dem total Gegenläufiges zu beobachten: das Blockieren von Argumenten und die Tabuisierung von Diskursen durch Rechtsandrohungen.

Der Sozialphilosoph Habermas beklagte vor Jahren, dass die Lebenswelt, welche von Haus auf sozial und dialogisch grundiert sei, durch das Subsystem Wirtschaft kolonialisiert werde. Die Monetarisierung der Lebenswelt (alles wird in erster Linie nach finanziellen Kriterien bewertet) stelle eine der "Sozialpathologien" unserer Gesellschaft dar, so Habermas. Wird nun das Subsystem "Recht" eine ähnliche gesellschaftliche Vorrangstellung einnehmen, sprich: werden gesellschaftliche Diskurse künftig einer Verrechtlichung anheim fallen?

Ich meine damit nicht einen "Meinungsterror", eine mediale Einseitigkeit, wie sie etwa Thilo Sarrazin beklagt. Dass Medien nicht objektiv berichten, ist eine Binsenwahrheit. Es GIBT KEINE OBJEKTIVITÄT (nicht einmal in der Naturwissenschaft, wie Feldforschung oder Quantenphysik längst bewiesen haben), wieso sollten ausgerechnet Medien frei von Präferenzen und ideologischen Voraussetzungen sein, die ihren Standpunkt bestimmen? Und wieso soll es keinen Meinungsmainstream geben, wo es doch in allem einen Mainstream und Neben- und Gegen- und Unterstränge gibt (Kunst, Wissenschaft, Ideen, Formen des sozialen Umgangs etc.)?
Sarrazin wurde -obwohl er nichts als Zahlen und Fakten präsentiert und auf seine Weise interpretiert hatte- zwar diffamiert, also moralisch an den Pranger gestellt. Aber da stand nur Meinung gegen Meinung. Er hatte jederzeit die Möglichkeit, seine strittigen Thesen öffentlich zu verteidigen. So wie es sich in einer liberalen Gesellschaft und Demokratie gehört.

Nein, ich meine den nächsten Schritt: Das Gerichtsverfahren.

In den USA und in Irland erlangte die Homo-Ehe politische Anerkennung. Wer sich nun dagegen ausspricht, wie die saarländische Ministerpräsidentin Kramp-Karrenbauer, riskiert nun, angezeigt zu werden. Der Vorwurf: Volksverhetzung.
(vgl:
http://www.welt.de/politik/deutschland/article141950881/Kramp-Karrenbauer-wegen-Volksverhetzung-angezeigt.html )

Dass der Churer Bischof Huonder in seinem Plädoyer gegen Homosexualität nun alttestamentliche Stellen zitiert, ist Pink Cross eine gerichtliche Anklage wert (http://www.pinkcross.ch/news/2015/pink-cross-haelt-an-strafanzeige-gegen-bischof-huonder-fest ). 


Eine der liberalen Errungenschaften ist die freie Meinungsäusserung. Kramp-Kartenbauer darf sagen, was sie will. Ruft sie zu Mord und Totschlag auf? Nein. Sie äussert Bedenken. Wie steht es nun mit der freien Meinungsäusserung? Und Bischof Huonder zitiert die Bibel. Natürlich auf eine völlig unstatthafte Weise. Das soll, ja, das MUSS diskutiert werden, kontrovers und hart in der Sache. Aber soll das Recht hier bemüht werden, so als hätte sich der Bischof einer Gesetzesübertretung schuldig gemacht? (Im übrigen: von Huonder eine homo-freundliche Einstellung zu erwarten, wäre etwa so, als würde man Keith Richards zu einer Anti-Raucher-anti-Drogen-Kampagne drängen).

Das Problem, das ich im Ganzen sehe ist: Durch Recht soll ein Diskurs begrenzt oder gar verunmöglicht werden. Mutet man dem mündigen Bürger keine Debatten mehr zu? Wie mündig ist der Bürger, wenn er divergierende Meinungen per Dekret, d.h. durch den Staat unterdrücken muss? Benimmt er sich nicht eher wie das Kind, das den Kontrahenten bei Eltern oder Lehrern verpfeifft?

Frührer übernahm die "Mutter Kirche" die elterliche Funktion. Der mündige Bürger hat aber offenbar da und dort noch Mühe, erwachsen zu werden und sucht sich -diesmal in der Gestalt der Gerichte - eine neue Vaterfigur.

Einer liberalen Demokratie ist solch infantiles Gebahren nicht würdig.


B. Amatruda

Donnerstag, 4. Juni 2015

Adoption als Instrumentalisierung?



In der "Kritik der praktischen Vernunft" gibt Immanuel Kant das anthropologische Statement par excellence ab, das besagt, der Mensch dürfe als Ganzes nur Zweck, niemals Mittel sein. Heute sagen wir, ein Mensch darf nie verzweckt und instrumentalisiert werden. Auch nicht für ein höheres Ziel, eine hehre Idee usw.

In der neulich aufgekommenen Diskussion um die Rechte gleichgeschlechtlicher Paare steht am Rande auch das Adoptionsrecht zur Debatte. Ein Argument seitens der Befürworter einer breiteren Adoptionspraxis lautet, ein Kind brauche Liebe und Zuwendung und es sei unerheblich, ob ihm diese von Vater und Mutter oder zwei Vätern oder zwei Müttern zuteil kommen.
Gewiss sagt das Geschlecht nichts aus über die Art der Zuwendung, die ein Kind bekommt. Doch im Licht der kantschen Maxime stellt sich die Frage der Instrumentalisierung. Wenn ein Paar - notabene gleich welchen Geschlechts! - auf natürlichem Wege keine Kinder bekommt und nun eines adoptiert, haben wir es hier nicht mit einer Verzweckung zu tun? Ein Kind muss her, um den Kinderwunsch des Paares zu erfüllen.

Auf den ersten Blick scheint die Adoption ja eine win-win-Situation darzustellen; ein Kind, das - aus welchen Gründen auch immer - nicht bei den leiblichen Eltern aufwachsen kann, bekommt ein neues Zuhause und ein kinderloses Paar kommt so zu einem Kind. (Egoistische und altruistische Motive hielten sich so die Waage). Die Tatsache aber, dass im Normalfall die Erwachsenen das Kind aussuchen und nicht umgekehrt, zeigt die Schieflage dieses vermeintlichen Tauschgeschäftes auf. Wirklich altruistisch wäre nur die Adoption eines Kindes durch ein Paar, das bereits eigene Kinder hat - denn ihnen könnte man nicht unterstellen, ein Kind aus rein egoistischen Gründen aufzunehmen.

Ich behaupte nicht, Adoption sei an sich ein Übel. Doch wir müssen uns der Ambivalenzen klar sein, welche ihr in ethischer Hinsicht innewohnt. Am nächsten liegt mir in dieser Frage eine naturalistische Sichtweise, bzw. eine Orientierung an den natürlichen Verhältnissen: Adoption verwaister Kinder möglichst durch Verwandte oder Nahestende (statt Adoptionstourismus à la Madonna oder Angelina Jolie). Kinderlosigkeit als Los der Natur annehmen. Die Reproduktionsmedizin kann zwar hier tatsächlich "der Natur nachhelfen" und darf somit auch in Anspruch genommen werden. Letztlich gilt es aber, die eigene Natur anzunehmen. Und an dieser Stelle spitzt sich die Problematik bei gleichgeschlechtlichen Paaren zu: ein homosexuelles Paar kann sich nicht natürlich fortpflanzen, weshalb es hier keine Natur gibt, der man "nachhelfen" könnte.

Mir ist bewusst, wie heikel eine solche Aussage ist, sie könnte leicht als diskriminierend aufgefasst werden. Der Kinderwunsch mag für alle legitim sein. Aber er legitimiert m.E. nicht automatisch adoptionsrechtliche oder reproduktionstechnische Massnahmen. Und zwar nicht, weil jemand aufgrund seiner Geschlechtlichkeit einer Adoption nicht würdig wäre, sondern weil ich mich des Eindrucks nicht erwehren kann, man instrumentalisiere Menschen, Kinder um zu kompensieren, was die Natur nicht hergibt.

Mir ist auch bewusst, dass ich hier einen klassischen (klassischer geht's nicht mehr) sogenannten "naturalistischen Fehlschluss" vorlege. Weil etwas (z.B. von Natur aus) so ist, heisst das nicht, dass es auch so sein soll. Tatsachen an sich haben noch keinen ethisch-normativen Anspruch.
 Allein, ich weiss mir bei dieser Frage noch nicht  besser zu helfen, als mit dem Votum, das eigene So-Sein, die eigene Natur anzunehmen (betreffe sie Kinderlosigkeit, die sexuelle Orientierung, das Alter etc.) und damit auch die natürlich gegebenen Grenzen und Konsequenzen.

Da ich aber noch zu keinem abschliessenden Urteil in dieser Frage gelangt bin, würde ich mich auf Eure Argumente und eine weitergehende Diskussion freuen!

B. Amatruda



Mittwoch, 4. März 2015

Four and a Half Shades of Reformiert



Ich schaue durch die reformierte Brille und sehe viereinhalb Schattierungen von Reformierten.



Das "reformierte Profil"

1) Die Liberalen. Sie sind die grösste Gruppierung. Wenn es ein "reformiertes Profil" gibt, dann dieses: Graumelierte Haare, fliehende Stirn, prominente Nase, Bart (m) oder dezenter Schmuck (w). Das sind Individualisten, die mit beiden Füssen auf dem Boden stehen, naturwissenschaftlich denken und das Reformiertsein als Haltung leben. Sie tragen Verantwortung und Brille. Die Würde und die Freiheit des Einzelnen ist ihr höchster Wert, womit sie mit Adolf von Harnack völlig einig gehen, auch wenn sie noch nie von ihm gehört haben. Sie gehen manchmal in die Kirche. Sehr oft auch nicht.
Ihr Lieblingswort ist "Freiheit".



2) Die Sozialen. Christentum ist für sie gleichbedeutend mit Nächstenliebe. Sie engagieren sich deshalb für Kleinbauern in Burkina Faso, kaufen nur Bio-Produkte und wählen links oder Mitte-links. Oder EVP. Oft gründen sie einen Claro-Laden, der dann davon lebt, dass sie selber darin einkaufen (Käufer und Verkäufer sind je nach Wochentag identisch). Von allen Gruppierungen sind sie die ökumenisch Offensten. Den Werbeslogan "Selber denken - die Reformierten" empfinden sie als Affront gegenüber den katholischen Mitbrüdern, den koptischen Mitschwestern und dem hinduistischen Taxifahrer Rivalpamdar. Dieser Gruppierung verdanken die Reformierten ihren guten Ruf als helfende Stütze der Gesellschaft.
Ihr Lieblingswort ist "Solidarität".



3) Die "Bibeltreuen". Sie sträuben sich gegen Etikettierungen wie "evangelikal" oder "fromm", sind dabei evangelikal und fromm. Bibeltreu heisst: sie lesen die Bibel wörtlich, bzw. wehren sich gegen wissenschaftliche Interpretationen. Gebet, Gemeinschaft  und Evangelisierung sind ihnen wichtig. Deshalb entwickeln sie zuweilen eine ungeheure Dynamik und gewinnen viele Freiwillige. Antworten sind ihnen wichtiger als Fragen. Denn egal, wie die Frage lautet - die Antwort ist immer entweder "Jesus" oder "Evangelium".
Ihr Lieblingswort ist "Jesus".

4) Die Spirituellen und Sucher.
Diese Gruppierung wächst seit 20, 25 Jahren kontinuierlich: Sie entdecken uralte Frömmigkeitsstile wieder. Dogmatismus ist out, es geht um spirituelles Erleben. Sie führen Meditation und Kontemplation in die Gemeindearbeit ein, befassen sich mit Achtsamkeit und Anselm Grün und scheuen nicht die Nähe zu Zen-Buddhismus und klösterlichen Kommunitäten. Sie sind die reformierte Avantgarde und haben das grösste Wachstums- und Entfaltungspotenzial. Nach aussen, weil sie am ehesten auf den spirituellen Hunger unserer durchrationalisierten Gesellschaft eingehen können. Nach innen, weil "der Christ der Zukunft ein Mystiker sein wird. Oder gar nichts." (Karl Rahner).  Ihre Lieblingsworte sind "Spiritualität" und "Stille".








4 1/2)  Viereinhalb ist eine Untergruppe von Vier. Während Gruppe 4 offen genug ist für Einflüsse aus anderen Konfessionen, ist Viereinhalb geradezu davon besessen. Sie hegen eine Faszination für Liturgie, für katholische Inszenierung und griechisch-orthodoxe Bilder. Sie posten Ferienphotos vom Athos, kaufen Brokat aus Einsiedeln und denken laut über die Einführung des Bischofsamtes und einheitlicher Gottesdienstordnungen nach. Kerzen und Gewänder sind wichtig, die Talare weiss, manchmal tragen sie sogar ein Collar. Aussenstehende wissen nicht, ob es sich um Reformierte oder Katholiken handelt. Aber man sieht ihnen die "Geistlichkeit" an, das ist die Hauptsache. Gewisse Pfarrer sind ganz speziell:  Jeder kann nachvollziehen, dass sie über Moses predigen. Aber müssen sie auch wie Moses aussehen?
Ihr Lieblingsbegriff ist "Geistliche Autorität".


Man könnte nun einwenden, es gebe noch viel mehr Schattierungen, vielleicht sogar 50:  Die Intellektuellen, die Traditionellen, die Humorlosen, die Witzbolde usw.  Die gibt es alle auch, aber sie kommen überall vor, sind also schwer zuzuordnen. Ausser bei den Witzbolden. Die sind häufig als reformierte Blogger anzutreffen oder zwischen den Nesseln, in die sie sich gerne setzen.

Bruno Amatruda







Mittwoch, 25. Februar 2015

Reformation: 500 Jahre sind genug! --- Eine Glosse


 

 

Genug ist genug! Ein halbes Jahrtausend.
Was hat denn die Reformation in der Zeit erreicht?

Klar, sie hat das Gewissen des Einzelnen über die kirchlichen Institutionen gestellt: zwischen Mensch und Gott vermittelt kein Priester und keine Kirche. Aber nun dankt es ihr das Kirchenvolk, indem es von seiner Freiheit auch Gebrauch macht, Nähe oder Distanz zur Kirche selbst bestimmt - sogar, ob es ohne Kirche glücklich wird, sprich: aus der Kirche austritt (denn zwischen Mensch und Gott vermittelt  keine Kirche - auch keine reformierte).


Ok, sie hat das eigenständige Bibellesen gefördert und damit nicht nur die Alphabetisierung und die Demokratisierung der Bildung voran getrieben, sondern auch die Freiheit der Interpretation.
Das Resultat waren zahllose Abspaltungen, Gruppen und Sekten.

Sie hat die Würde des Einzelnen zum Zentrum erklärt (Adolf v. Harnack). Das führte zur  Freiheit des Individuums. Und diese wiederum zum ach so schlimmen Individualismus.

Sie hat die Bibel zum alleinigen Massstab erhoben. Doch das präzise Studium der Bibel mündete zwangsläufig in die historisch-kritische Methode. Diese müssen angehende Pfarrer erlernen, im Gemeindeleben ist sie aber nur in homöopathischen Dosen zu verabreichen. (Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihren Exegeten).

Sie hat das "Priestertum aller Gläubigen" ausgerufen, die Unterscheidung zwischen Laien und "Geistlichen" aufgehoben und sogar Frauen zum Pfarramt zugelassen - also Folge davon ist eine "Feminisierung der Kirche" (SEK-Präsident Locher) zu befürchten.

In 500 Jahren hat  die Reformation ganze Arbeit geleistet und ist nun daran, sich selber abzuschaffen.
Das "Salz der Erde" hat die Gesellschaft durchdrungen, gewürzt und verfeinert und sich dabei scheinbar aufgelöst. Ein für Salzkristalle üblicher Vorgang. Religionssoziologen sprechen von der "Unlesbarkeit" der Reformierten. Vielleicht hat das aber mit den Soziologen zu tun: Statt Salz zu lesen, sollte man es schmecken.

Sei's drum. Das alles schmerzt das Kirchenvolk nicht im mindesten. Im Gegenteil. Wenn der Arzt gut war, ist man wieder gesund und braucht ihn im Moment nicht mehr. Aber es schmerzt den Arzt, dem die Arbeit ausgeht. (Dabei zeigte die Kirchensteuerinitiative, dass das Volk froh um den Arzt ist).

So ist es vor allem das professionelle Personal, das über die eigene Effizienz erschrickt und am liebsten vieles (wenn nicht alles) rückgängig machen möchte:

Ist es ein Zufall, dass parallel zu den Vorbereitungen auf das 500 Jahr-Jubiläum  die Einführung des reformierten Bischofsamtes diskutiert wird?
Dass gewisse Synodale die Befreiung vom Apostolikum (im 19. Jhdt.) beklagen? Dass der Ruf nach agendarischen Gottesdienstordnungen und einheitlichen Liturgien laut wird?
Dass eine Vergeistlichung des Pfarramts postuliert wird (vgl. H. Pachmanns und P. B. Rothens Schriften zum Pfarramt) und jemand sogar die Beichte für Protestanten wieder ins Gespräch bringt (P. Zimmerling, zum Glück in Deutschland)?


Die Reformation hatte sich von Beginn weg an zwei Fronten abzuarbeiten: der katholischen und der täuferischen. Ein 500jähriger Verschleisskampf macht müde. Das erklärt für mich die Rekatholisierungstendenzen und die immer grösseren Konzessionen an die selbst ernannten Nachfolger der Täufer, die sich "bibeltreu" nennen. Nirgends fand ich beides schöner vereint, als in einer Passage aus dem Buch "Gottfried Locher. Der 'reformierte Bischof' auf dem Prüfstand". Der oberste Repräsentant der Reformierten erklärt darin biblische Wunder mit dem Durchbrechen von Naturgesetzen und hält die Jungfrauengeburt für ein ebensolches Wunder.

Vor vielen Jahren fragte mich meine italienische (katholische) Cousine: "Du bist Protestant? Das sind doch die, die nicht an die Jungfrau glauben?".  Tja, liebe Cousine, das war früher.
Die Reformation darf sich jetzt zur Ruhe setzen. 500 Jahre sind genug.



Bruno Amatruda

Mittwoch, 18. Februar 2015

Allen, die in den Schweizer Medien vergeblich auf Reaktionen auf das Charlie-Massaker gewartet hatten, die etwas tiefer gehen als "Je suis Charlie"-Bekenntnisse und das Gerede von "westlichen Werten", empfehle ich diese kurzen Texte hier, u.a. von Charles Taylor:

http://blogs.ssrc.org/tif/2015/02/17/values-and-violence-thoughts-on-charlie-hebdo/