Donnerstag, 23. Mai 2013
Homo-Ehe: Bei den Evangelikalen stellt sich ein Umdenken ein.
Lange schien immerhin klar, dass sich Evangelikale in den Landeskirchen und erst recht die Freikirchen aufgrund ihrer Bibelauslegung gegen die Anerkennung gleichgeschlechtliecher Liebe stellen mussten: In den USA etablierten sich unter den Konservativen Umpolungsprogramme wie "Living Waters", welche homosexuell empfindende Menschen von ihrer sexuellen Orientierung "heilen" sollten. Mittlerweile gibt es nicht nur eine Ex-Gay-Szene, sondern wachsend sogar eine Ex-ex-Gay-Szene bestehend aus Schwulen und Lesben, die sich -natürlich erfolglos- einer solchen Umpolung unterzogen haben.
Dass die Revidierung althergebrachter Meinungen nicht konfliktfrei vonstatten geht, versteht sich von selbst. Pastoren, die modernere Ansichten vertreten, müssen im Extremfall mit Kündigungen rechnen. Andere werden mit dem Vorwurf der Häresie vorlieb nehmen müssen. Freilich, prominente Megapastoren ficht das wenig an. Sie mögen am rechten Rand Anhänger verlieren, aber am andern neue, junge gewinnen. Denn Umfragen zufolge tendieren junge Evangelikale im Vergleich zur Elterngeneration viel stärker nach links: Themen wie Umweltschutz, Armut, soziale Gerechtigkeit und Schutz von Minderheiten sind in das Bewusstsein der jüngeren Gläubigen gerückt.
Dienstag, 9. April 2013
TARDELLIS TOR: Eine ekstatische Erfahrung
Fussball mag für viele eine (Ersatz-)Religion sein. Andere sehen darin nur ein Riesengeschäft. Aber was erlebt ein Fussballer selbst im Moment des Triumphes oder der Niederlage?
Einen spannenden Einblick in einen solchen Moment gewährt uns Marco Tardelli in diesem kurzen Video.
Am 11. Juli 1982 standen sich Italien und Deutschland im
WM-Endspiel gegenüber. Italien dominierte und lag bereits 1:0 vorne, als Tardelli
in der 69. Minute den Ball an Toni Schumacher vorbei ins Tor schob. Sein
anschliessender frenetischer Torjubel ging in die Geschichte ein. Für uns
Tifosi war klar: DAS IST die Entscheidung, denn wie sollte Deutschland in 20
Minuten uns noch einholen können?
Es ist KAIROS, Entscheidungszeit! Das ist der Moment: JETZT,
genau jetzt erleben wir Fussballgeschichte. Die allermeisten erlebten das zum
ersten Mal in ihrem Leben als Fan (der letzte italienische Titel datierte von
1938).
Doch was erlebte Marco Tardelli in diesem Moment?
In seiner Erinnerung beschreibt er etwas, das im Ansatz
einer Nahtoderfahrung ähnlich ist: „Ich dachte an meine Familie in Italien, an
meine Brüder. Und dann sah ich mein ganzes Leben vor meinen Augen vorbeiziehen.
Wie wenn man im Sterben liegt, sagt man. Ich sah mich selbst als kleinen Jungen,
der anfing, Fussball zu spielen. In dem Moment
erreichte ich das Ziel, das jeder Junge anstrebt. – Eine wundervolle
Erinnerung, die ich hoffentlich meinen Kindern weitergeben kann.“
Wir haben es hier mit einer exstatischen Erfahrung zu tun. Auch
mit einer religiösen Erfahrung? Ich weiss es nicht.
Das „Setting“ einer solchen Veranstaltung –sei das Olympia,
sei das eine Fussball-WM- trägt natürlich das Ausserordentliche bereits in
sich. Nur alle vier Jahre treffen sich die besten der Welt, um die allerbesten
zu küren.
Die Durchbrechung des Alltags, die Inszenierung und das
Ritual, die Erwartung (einer Epiphanie?).... Solche Strukturelemente haben
Sportfeste und religiöse Feste durchaus gemeinsam.
Die ekstatische Erfahrung aber, die kann man nicht „machen“.
Die ereignet sich –oder eben nicht.
So mögen die nicht-Eingeweihten den Sport als Pseudoreligion,
als potentiell gewalttätig oder als Geldmaschinerie abtun – genau so wie
Religionsfeinde die Religion einseitig als Macht- und Unterdrückungsapparat sehen. Dem
SUBJEKTIVEN ERLEBEN des Gläubigen oder des Sportlers kann dies in einem solchen
Moment nichts anhaben.
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Bruno Amatruda ist Religionslehrer (und Fussballfan)
Donnerstag, 28. März 2013
Erlösung durch Hinrichtung?
Für viele steht und fällt das Christentum mit dem
Opfertod Christi. Dass Jesus "für unsere Sünden" gestorben sei, mache
das Wesentliche unseres Glaubens aus. Im 11 Jhdt. stellte Anselm von
Canterbury die These auf, dass nur die Opferung des Gottessohnes für uns
Vergebung und Erlösung bei Gott erwirken könne, indem dieser unsere
Strafe auf sich nimmt.
(Zitat aus dem Wikipedia-Artikel : "Nach dieser Theorie war der Tod Jesu als Sühnopfer nötig, um eine angemessene Wiedergutmachung für die Verletzung der Ehre Gottes zu leisten, die durch den Sündenfall der Menschen geschehen sei. Für Gott habe es nur die Alternative gegeben „entweder Strafe“ (aut poena), d.h. die Vernichtung der gesamten Menschheit „oder Wiedergutmachung“ (aut satisfactio) durch eine die Sünde aufwiegende Ersatzleistung. Damit die Ersatzleistung aber schwergewichtiger als die Menschheitssünde sein konnte, war es nötig, dass Gott selbst Mensch wurde, um nun – als selbst Sündloser – in der menschlichen Gestalt Jesu Christi sein Leben als satisfactio für die Sünden der Menschen dahin zu geben.") http://de.wikipedia.org/wiki/Satisfaktionslehre
Befriedigt diese Theorie? Tröstet sie unser
Gewissen? Oder führt sie uns in Konflikt mit unserem Gottesbild und
unserem Gerechtigkeitssinn?
Gott vergibt, ja. Aber MUSS
er hierfür seinen Sohn unschuldig töten lassen? Ist das dann noch ein
liebender Gott?
Sogar wenn wir mit Anselm sagen, Gott selbst habe
am Kreuz gehangen, bleibt die Frage: wozu die ganze Inszenierung? Kann
Gott nicht EINFACH SO VERGEBEN?
Schliesslich die Frage: entspricht diese Art von Opfertheologie eigentlich der Bibel?
Die Antwort ist Ja und Nein. Allerdings mehr Nein als Ja.
Es gibt zwar tatsächlich an einigen Stellen die
Vorstellung eines Sühneopfers. Wobei aber nicht Gott versöhnt werden
muss, sondern der Mensch (vgl. 2. Kor 5). Zu beachten ist dabei, dass das jüdische
Vorverständnis von Versöhnung und Entschuldung mit dem Opfergedanken
verknüpft ist. Ohne Darbringung eines Tieropfers war Vergebung
undenkbar. Daran knüpft etwa auch der Hebräerbrief an, freilich um jede
Art von Opfer auch gleich wieder aufzuheben: Da Christus das letzte und
ultimative Opfer erbringt, sind Opferungen fortan obsolet. Ein für
christliche Theologie typischer Vorgang: ein Sachverhalt wird in der
Vorstellungswelt der Adressaten ausgedrückt und gleichzeitig radikal
verändert.
Dennoch: Vergebung ist völlig unabhängig vom
Opfergedanken möglich. Es ist niemand anders als Jesus selbst, der das
predigte und vorlebte. Als er deswegen von frommen Pharisäern
angegriffen wurde, zitierte er eine Stelle beim Propheten Hosea, wo Gott
spricht: „Ich habe Wohlgefallen an Barmherzigkeit und nicht am Opfer“
(vgl. Matth. 9,9 ff).
Übrigens kommt auch Paulus in seinem berühmten „Wort
vom Kreuz“ (1. Kor 1) ohne Opferidee aus. Und im Johannesevangelium ist
das Heil gar nicht erst mit dem Tod Jesu verknüpft, sondern entspringt
dem Glauben, d.h. dem Vertrauen in seine Person.
Die Bibel vertritt also –wie in ganz vielen
Themenfeldern- auch in dieser Frage keine einheitliche Sichtweise. Wieso hat
sich die Satisfaktionslehre dennoch durchgesetzt?
In hierarchisch strukturierten Gesellschaften,
deren Mitglieder von Rechtsungleichheit und Abhängigkeitsverhältnissen
geprägt sind –charakteristisch für die Antike und das Mittelalter-
konnte die Überzeugung befreiend wirken, niemand Geringerer als der
Gottessohn übernehme unsere Schuld, bzw. unsere Strafe. Das „Übernehmen“
wurde dabei wörtlich verstanden.
Seit der Aufklärung und dem Aufstieg des freien
Bürgers aber ist die Opfertheologie zusehends in Misskredit geraten. Für
Immanuel Kant etwa widerspricht eine stellvertretende Bestrafung
geradezu dem modernen Rechtsempfinden, dem nur Genüge getan wird, wenn
ein jeder selber für die eigene Schuld gerade steht. Aus diesem Grund
lehnen wir heute ja z.B. die Sippenhaft ab.
Ist der Karfreitag nun also erledigt?
Nein.
Wenn wir des Todes Christi gedenken, schauen wir auf einen Menschen, der bereit war, für seine Überzeugungen bis zum Äussersten zu gehen. Wir sehen einen Menschen, der Opfer einer Intrige wurde, aber darauf verzichtete, als Opfer selber Täter zu werden. Ein Mensch, der seine Menschlichkeit bis zum Ende nicht aufgab.
Jesus lebte eine Leben für andere. Da er dafür Konflikte und sogar den Tod in Kauf nahm, lässt sich auch sein Sterben als Konsequenz davon durchaus auch als ein Tod-für-Andere verstehen.
Schliesslich: Wenn in Jesus Gott präsent ist, so ist Gott selbst nicht nur Mensch geworden, sondern hat sich am Karfreitag in den schrecklichsten Abgrund menschlicher Existenz begeben. Gott führt nur deshalb aus dem Elend wieder hinaus, weil er selbst im Elend und im Leid gegenwärtig ist.
Schliesslich: Wenn in Jesus Gott präsent ist, so ist Gott selbst nicht nur Mensch geworden, sondern hat sich am Karfreitag in den schrecklichsten Abgrund menschlicher Existenz begeben. Gott führt nur deshalb aus dem Elend wieder hinaus, weil er selbst im Elend und im Leid gegenwärtig ist.
Seelsorgerlich gesehen ist das Festmachen der Vergebung an ein Äusseres durchaus sinnvoll. Es GIBT Vergebung, ganz unabhängig davon, wie ich im Moment der Anfechtung darüber denke. Diesen Sachverhalt stellt die Sühneopferidee dar. Und zwar nach der (salopp gesagt) Grundregel jedes Drehbuchautors "show, don't tell". Die dramatische Ausgestaltung ist immer wirksamer als die blosse Behauptung, dass Gott vergibt.
Die einen tröstet also der Gedanke, Jesus habe unsere Schuld auf sich genommen als freiwilliges Opfer.
Andere bringen die Idee des Opfers nicht mit dem Bild eines liebenden Gottes in Einklang. Im Gegenteil kritisieren sie diese Idee. Und auch sie finden in der Bibel gewichtige Anhaltspunkte für ihre Kritik.
Ja, dass Gott Jesus nicht im Tod belassen hat, sondern zu Neuem Leben aufwerweckt, stellt für sie die lauteste und wichtigste Kritik an jeder Opferungslogik dar:
„Ich habe Wohlgefallen an Barmherzigkeit und nicht am Opfer“.
Was bleibt?
Dass es keine menschliche Erfahrung gibt und keinen Bereich des Lebens, die gottfern wären. Mehr noch: vielleicht kann man Anselm -wenn man ihn vom juristischen Denken befreit- doch etwas abgewinnen. "Sünde" ist nicht einfach irgendeine Übertretung, sondern meint existenzielle Gottferne.
Wie ist diese Gottferne zu überwinden? Seitens der Menschen wird das schwierig. Der Karfreitag aber meint: GOTT SELBST überwindet die Entfremdung, und zwar, indem er sich genau in diesen Abgrund selber begibt. Seit Karfreitag dürfen wir uns des Pauluswortes gewiss sein:
"Denn ich bin gewiß, daß weder Tod noch Leben, weder Engel noch Fürstentum noch Gewalt, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch keine andere Kreatur mag uns scheiden von der Liebe Gottes, die in Christo Jesu ist, unserm HERRN." (Röm 8,38-39)
Wie ist diese Gottferne zu überwinden? Seitens der Menschen wird das schwierig. Der Karfreitag aber meint: GOTT SELBST überwindet die Entfremdung, und zwar, indem er sich genau in diesen Abgrund selber begibt. Seit Karfreitag dürfen wir uns des Pauluswortes gewiss sein:
"Denn ich bin gewiß, daß weder Tod noch Leben, weder Engel noch Fürstentum noch Gewalt, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch keine andere Kreatur mag uns scheiden von der Liebe Gottes, die in Christo Jesu ist, unserm HERRN." (Röm 8,38-39)
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Bruno Amatruda
Freitag, 22. März 2013
MEMENTO - Der Opfer gedenken
In der Passionszeit gedenkt man der Leiden Christi. Da wurde einer unschuldig gepeinigt, gedemütigt und schliesslich am Kreuz zu Tode gequält.
Dabei geht es in der "Fastenzeit", wie man sie im Katholizismus nennt, nicht um irgendeine fromme Übung, um vor Gott besonders gut da zu stehen.
Das „Fasten“ -in welcher Form auch immer- soll die Sinne schärfen. Unwesentliches darf für einmal zur Seite geschoben werden und dem Gedenken Platz machen. Christi Leiden zu gedenken, das heisst auch, aller unschuldigen Opfer zu gedenken. Der Sinn, den die Passions- oder Fastenzeit schärft, ist das genaue Hinschauen.
Dass man einen Sinn für die Opfer hat, ist nämlich alles andere als selbstverständlich.
Im Gegenteil ist notorisch damit zu rechnen, dass Opfer eben NICHT ernstgenommen, nicht wahrgenommen werden.
Man mag es unserem Unwissen und unserer menschlichen Schwäche zurechnen, dass wir Opfer oft übersehen.
Ungeheuerlich ist hingegen, was passiert, wenn Opfer sich zu Wort melden. Wenn sie sich selber Gehör verschaffen.
Dann löst das bisweilen aggressive Reaktionen hervor.
Einer vergewaltigten Frau wird halt doch eine gewisse Mitschuld angekreidet. Auf den Malediven wird ein 15jähriges Opfer zu 100 Peitschenhieben verurteilt (hier gehts zur Petition).
Ein amerikanischer Pfarrer –mit sexuellen Übergriffen an seiner ehemaligen Hochschule konfrontiert- kehrt das Blatt um und beschuldigt die Nestbeschmutzer. Ein deutscher Historiker gibt bei Markus Lanz unwidersprochene "Weisheiten" zum Besten, wie die, dass Juden auch irgendwie ein wenig Täter waren und die Nazis irgendwo auch Opfer.
Man mag dieses Vorgehen eines mit Vorwürfen konfrontierten Täters als Verteidigungsstrategie auslegen. Überspitzt gesagt: Das Opfer ist für ihn die leib- und personhafte Anschauung seiner Schuld, die er abwehren muss. ("Die Deutschen werden den Juden Auschwitz nie verzeihen", meinte Zvi Rex einmal.)
Doch wie kommt es, dass sich Entführungsopfer Natascha Kampusch in ihrer Heimat dem Hass völlig unbeteiligter Personen ausgesetzt sieht?
Hier spielen psychologische Mechnismen eine Rolle. Das Leiden wird verdrängt. Manchmal auch das eigene Leiden - aus reinem Überlebenstrieb. Wenn dann das Verdrängte sich umso gewaltiger wieder bemerkbar macht, muss es abgewehrt werden. Lässt sich so die Abwehrhaltung gegenüber fremden Leid und die Verdrängung von Opfererfahrungen erklären?
Vielleicht. Die Passionszeit (Passion = Leiden) lädt dazu ein, eben NICHT zu verdrängen. Auch eigenes Leiden nicht. Vielleicht liegt dort der Schlüssel zur Empathie mit den Opfern. Wer eigene Opfererfahrungen nicht mehr abwehren muss, wird sensibel für das Leiden anderer.
Dieser Prozess ist kein einfacher. Billiger ist neue Lebendigkeit aber nicht zu haben.
Die Leidenszeit und der Karfreitag sind die Voraussetzungen für Ostern. Der Weg zur Auferstehung für zuerst in die Niederungen des Leids. Aber auch: der Weg durch die Niederungen –darauf dürfen wir getrost hoffen- führt zu neuem Leben.
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Bruno Amatruda unterrichtet Religion an einem Schweizer Gymnasium
Dienstag, 19. Februar 2013
Der arme Fotograf und die bösen Freikirchler
Es wäre ja gelacht, wenn man ausgerechnet die NZZ darüber aufklären müsste, was es mit Persönlichkeitsrechten auf sich hat. Oder etwa doch nicht?
Man stelle sich vor: Ein
evangelikaler Fotograf will einen Bildband über einen Schwulenclub
veröffentlichen. Im Zuge dessen klagen einige der Abgebildeten mit Rekurs auf
das „Recht am eigenen Bild“. Die Veröffentlichung des Bands wird provisorisch
gestoppt. Der Fotograf versteht die Welt nicht mehr. Es gehe ihm überhaupt
nicht darum, die Individuen an den Pranger zu stellen. Es gehe um darum, das
System hinter dieser Lebensweise auszuleuchten. Und so weiter und so fort. Wie
würde wohl eine Zeitung hierzulande über einen solchen Fall berichten? Wäre mit
Schlagzeilen wie „Zensurversuche von Schwulen“ zu rechnen? Hoffentlich nicht.
Denn ob es Schwule, Evangelikale oder Kaninchenzüchter sind, die auf das Recht
am eigenen Bild klagen, ist in einem solchen Fall nebensächlich – sollte man
meinen. Liest man aber den Artikel „Zensurversuche von Freikirchlern“ (NZZ vom
13.2.2013), kommen einem Zweifel.
Geht es nämlich um Angehörige
einer Freikirche, geht es plötzlich nicht um die Inanspruchnahme von
Persönlichkeitsrechten, sondern um „Zensur“ bzw. „Zensurversuche“. Aber dieser
tendenziöse Begriff ist hier fehl am Platz. Zensurieren weckt Assoziationen an
totalitäre Regimes, die den freien Informationsaustausch einschränken, und es
wäre für Religionsverächter natürlich nur allzu schön, wenn die zum
Freikirche ICF gegen die Veröffentlichung unliebsamen Bildmaterials klagen
würde. Nur leider leider scheint der Fall so nicht zu liegen. Es ist nicht der
ICF, sondern es sind verschiedene Individuen, die ihr Recht am eigenen Bild
einklagen. Insofern hätte sich die Autorin auch den Verweis auf das
„ausgeklügelte visuelle Marketing“ der Freikirche sparen können. Darum geht es
in dieser Sache nicht. Es geht einzig und allein darum, ob ein Individuum das
Recht hatte, Bilder von anderen Individuen in Buchform zu veröffentlichen. Aber
das klingt natürlich etwas weniger spektakulär als ein Konflikt eines mutigen
Künstlers, der von einer mächtigen Institution daran gehindert werden soll,
entlarvende Bilder zu veröffentlichen. Wer mächtig und wer ohnmächtig ist, ist
aber in diesem Fall nicht so klar. Das Recht am eigenen Bild schützt gerade das
potentiell machtlose und in einer Mediengesellschaft höchst fragile Individuum.
Ein solches Recht ist keine Trivialität. Gerade der NZZ, der selbsternannten
Hüterin liberaler Werte, würde es gut anstehen, das ihren Mitarbeitern
mitzugeben, denn der unbedingte Vorrang des Individuums vor irgendwelchen
Kollektiven gehört zu den Kerngedanken des politischen Liberalismus. Die
Menschen, die hier klagen, nehmen ihre subjektiven
Rechte in Anspruch. Dass sie Mitglieder einer Freikirche sind, ist für das
Problem, um das es geht, schlechterdings irrelevant. Vor allem aber: Es gibt
keinerlei ersichtlichen Grund, hier von „Zensur“ zu reden. Es mutet ähnlich
absurd an, wie wenn ein Paparazzi, der Schnappschüsse eines Promis als Buch
veröffentlichen will, „Zensur, Zensur!“ schreien würde. Oder wie wenn eine Medizinerin sich darüber beklagen würde, dass sie sensible Patientendaten nicht ohne deren Einwilligung veröffentlichen darf. Zensur?
Vielleicht lohnt sich in
diesem Zusammenhang auch der Hinweise, dass es völlig irrelevant ist, ob die
Bilder „objektiv gesehen“ in irgendeiner Weise besonders heikel, peinlich oder
entwürdigend sind; und auch, ob die Begründung, warum ich nicht abgebildet
werden soll, in irgendeiner Weise nachvollziehbar ist, ist schlicht irrelevant,
und dass ich auf Facebook Bilder von mir in Badehose poste, gibt anderen
ebenfalls noch nicht das Recht, nun ohne meine Einwilligung einen Fotoband mit
Schnappschüssen von mir in Badehose zu veröffentlichen. Leider scheint auch der
besagte Fotograf diesbezüglich falsch informiert zu sein. Leute hätten sich
durch seine Bilder „plötzlich anders gesehen, als sie gesehen werden wollten“,
gibt er weiter zu Protokoll. Ja, und genau das gibt ihnen das Recht, gegen die
Veröffentlichung vorzugehen, möchte man anfügen. Statt dem Künstler an den
Lippen zu hängen und ihm doch beträchtlichen Raum für sein (subjektiv völlig
verständliches) Wehklagen zu geben, hätte die Journalistin besser einmal
kritisch nachgefragt, warum er denn die Bilder den Abgebildeten vor dem Druck
nicht vorgelegt und das Recht zur Veröffentlichung nicht explizit eingeholt
habe.
Es ist verständlich, dass die
Sympathien in dieser Angelegenheit der Autorin einseitig verteilt sind. Aber
doch fragt sich, ob es nicht Aufgabe einer kritischen und unabhängigen
Journalistin eines internationalen Traditionsblatts wäre, den Sachverhalt
ausgewogener darzustellen. Oder ist objektive und faire Berichterstattung, wenn
es um Religion geht, hier und heute bereits zu viel verlangt? Hat das Tagi-Niveau
in Sachen Religions-Bashing, wöchentlich vorexerziert durch Hugo Stamm und
Konsorten, nun bereits die Falkenstrasse erreicht? Religionskritik, insbesondere
Kritik an tendenziell totalitären Formen von Religion, mag ein nobles, gerade
auch liberales Anliegen sein. Auch journalistische Kritik am ICF – sei es etwa
in einem Kommentar, sei es durch eine Reportage – ist völlig legitim und meines
Erachtens auch sachlich gefordert. Nur ist der geschilderte Konflikt, wenn ich
recht sehe, kein geeigneter Aufhänger für solche Kritik, ja diese kippt selber
in einen Ausdruck mangelnden Respekts vor den Rechten Anderer.
Wenn fundamentale
Persönlichkeitsrechte – und dazu zählt in einer Mediengesellschaft gerade das
Recht am eigenen Bild – zur Nebensache erklärt werden, sobald sie die Rechte
von unliebsamen Menschen sind, so gibt das zu denken. Aber wenn’s darum geht,
auf böse Religiöse zu hauen – selbstverständlich im festen Glauben, auf der
Seite der „Guten“ gegen Intoleranz und Konservatismus zu kämpfen –, scheint
auch hierzulande je länger je mehr fast jedes journalistische Mittel recht zu
sein.
Und noch ein Letztes: Nach
der Lektüre dieses Artikels fragt man sich, ob es nicht vielleicht eine weise
Entscheidung dieser Leute war, gegen die Veröffentlichung der Bilder Einspruch
zu erheben. Denn ist jene Einstellung gegenüber religiösen Gemeinschaften, wie
sie die Autorin in diesem Artikel vor Augen führt, gesellschaftlich auf dem
Vormarsch, so fragt es sich, ob etwa ein Jugendlicher auf Lehrstellensuche
nicht gut daran tut, sich nicht als ICF-Besucher zu outen. Immerhin scheint das
kein besonders gutes Licht auf seine Persönlichkeit zu werfen, wenn jemand ein
„Freikirchler“ ist.
Hier der Link zum Text in der
NZZ:
http://www.nzz.ch/aktuell/startseite/zensurversuche-von-freikirchlern-1.17998392Freitag, 15. Februar 2013
Der Weg, die Klarheit und das Label
Samuel Jakob regt in der Reformierten Presse theologische Stellungnahmen der Kirchenleitung (in Zusammenarbeit mit den theologischen Fakultäten) an.
Er fragt sich, warum etwa die Reformierten zur Satisfaktionslehre der Evangelischen Allianz SEA schweigen.Nun, das scheint mir auf der Hand zu liegen:
Weil die Landeskirche es sich nicht mit den Evangelikalen verscherzen will. Nichts fürchtet man so sehr, wie Kirchenaustritte. Daher gilt die Devise suum cuique; jedem das Seine. Wenn in der Stadt schamanische Rituale abgehalten werden können, dann sollen die auf dem Land kaschierte Wiedertaufen durchführen dürfen. Und wenn die eine Gemeinde die pfingstlerische Theologie des Alphalivekurses importieren darf, darf die andere Tiere segnen und politischen Aktivisten Asyl gewähren. Die Verantwortung liegt ja bei der einzelnen Gemeinde, und die Kirchenleitung ist fein raus. Ein Profil, eine Positionierung, ein einheitliches Image, eine Marke, ein Label ist allerdings das letzte, was dabei heraus kommt.
Die von Jakob diagnostizierte inhaltlich Krise der Kirchen hat auch strukturelle Ursachen. Natürlich, im Pfarramt bleibt vor lauter Administrationsarbeit kaum noch Zeit für theologische Debatten. Vor allem aber: Solange die Finanzen den courant normal erlauben, besteht keine Notwendigkeit, sich mit inhaltlichen Fragen auseinander zu setzen. Jedes Pfarramt kann seinem Alltagsgeschäft nachgehen, und zu tun gibt es ja mehr als genug.
Vielleicht wird die Finanznot es notwendig machen, sich klarer zu positionieren.
In Basel-Stadt wurde aus diesem Grund das Territorialprinzip aufgegeben und die Bildung von theologisch ausdifferenzierten (Gesinnungs-)Gemeinden gefördert.
In den USA laufen solche Profilierungsprozesse seit längerem. So haben sich liberal-soziale Kirchen eine 8-Punkte-Charta gegeben unter dem Label "Progressive Christianity". Sie bekennen sich zum Inklusivismus als Antwort auf exklusivistische konservative und evangelikale Gemeinden.
Unter dem Dach der Landeskirche soll hierzulande alles Platz haben. Das ist ein Entscheid, den man gutheissen kann. In der Praxis bestehen zwar immer schon gemeindetypische oder je nach Pfarrperson divergierende theologische Schwerpunkte (siehe oben). Nur transparent ist das für den Kirchenfernen nicht.
Wieso aber kann ich als Gläubiger, ja als "Kunde" diese Position nicht an einem Label erkennen?
Die Angst vor dem Label erfasst ja bereits manche Pfarrperson. Ich habe schon mit evangelikalen Pfarrern gesprochen, die das Wort "evangelikal" zornig von sich wiesen. Und mit liberalen, die sich nicht als "liberal" schubladisieren lassen wollten. Der beste war ein Kollege, der seiner Spiritualität -weil wortlos- partout keine Bezeichnung angedeihen lassen wollte. Mehr als "etwas mit Kerzen" war ihm nicht zu entlocken.
Wenn also schon die Theologen Mühe haben, Farbe zu bekennen (warum bloss?), wie können wir erwarten, dass jemals ein "gemeinsames" Bekenntnis zustande kommt?
Bekennen heisst immer auch, sich abgrenzen. Dabei geht es nicht darum, das eine gegen das andere auszuspielen. Sondern um Profilbildung und Transparenz. Ich bin erzliberal und habe gute Freunde in der FEG. Zum Predigen laden sie mich natürlich nicht ein, aber Freunde bleiben wir trotzdem; und just, dass wir Gemeinsamkeiten und Unterschiede benennen, ja sogar augenzwinkernd "labeln" können, macht das Ganze verständlicher.
Samuel Jakobs Vorschläge regen Debatten an und sind höchst bedenkenswert. Mit der theologischen Klärung beginnt jeder am besten bei sich selbst.
Auf dem Weg sind wir alle. Hoffentlich mit Klarheit. Und warum nicht: mit Label.
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Bruno Amatruda ist Religionslehrer an einer Zürcher Kantonsschule
Dienstag, 11. Dezember 2012
Weihnachten: Die Menschwerdung des Menschen
Letztes Jahr erhitzte mein Landbote-Artikel einige Gemüter.
Der Artikel warf ein Licht auf die historisch-kritische Bibelforschung und ihre Ergebnisse:
"Ist die Weihnachtsgeschichte wahr?"
war einigen Leserbriefschreibern (nicht allen) zu modern und irritierend. Dabei beruht das Ganze nur auf genaue Bibellektüre in ihrem historischen Kontext, so wie sie seit über 150 Jahren an den theologischen Fakultäten üblich ist.
Wirklich modern, im Sinne von hochaktuell scheint mir hingegen die existenzielle Bedeutung der Weihnachtsgeschichte selbst! Es geht darin um die Geburt eines bestimmten Menschen. Traditionell spricht man von der "Menschwerdung Gottes". Aber was bedeutet das für mich persönlich, wenn ich mal auf dogmatische Worthülsen verzichte? Was bedeutet "Menschwerdung Gottes" für uns Menschen - existenziell?
Nicht nur durch meine Arbeit mit Jugendlichen bin täglich mit der Frage konfrontiert, wie ein Mensch (ob jung oder weniger) sich SELBST sein, werden, bleiben darf. Wie also der Mensch Mensch werden kann, und zwar kein Idealmensch oder Wunschmensch, sondern ein ganz bestimmter Mensch, ein Subjekt.
Die lebenslange Aufgabe, das zu entfalten, was in einem angelegt ist, mithin also ein Selbst auszubilden, das von Anfang an da -aber auch von Beginn an gefährdet ist durch Herodesfiguren aller Art-, bedingt einen ungeheuren psychischen Aufwand. Und hat m.E. eine tief religiöse Dimension.
«Die Frage nach Gott im Prozess der Subjektwerdung findet nur Antwort, wenn die Auseinandersetzung und der Kampf des Selbst im Licht der Menschwerdung Gottes verstanden wird», schreibt Anne M. Steinmeier in ihrer Habilitationsschrift ("Wiedergeboren zur Freiheit",
S. 200). In JEDEM menschlichen, subjektiven Selbstwerdungsprozess kommt Gott je neu zur
Welt, freilich ohne in der Bestimmtheit des Endlichen aufzugehen.
Ich verstehe die Krippenszene gleichsam als Urbild dieses menschlichen Unterfangens und der menschlichen Sehnsucht nach der Freiheit, sich selbst sein zu dürfen.
Denn:
«Freiheit gründet darin, dass ein Mensch als ein Selbst geboren wird», schreibt Steinmeier weiter (S.195), das von Anfang an da ist und kein Produkt– weder der Eltern, noch der Gesellschaft, noch Gottes – darstellt. Diese Wahrnehmung der Freiheit ist nicht ohne Schrecken: Freiheit ist gefährdet, das Selbst zutiefst verletzbar. Davon zeugt leider der weitere Verlauf der Weihnachtsgeschichte: Flucht und Exil.
Die Botschaft von Weihnachten war damals revolutionär und ist immer noch aktuell. Auf wen gehen denn heute noch Diktatoren und Machtbesessene als erstes los? Wer ist der erklärte Feind aller geschlossener politischer oder sektiererischer Systeme? Doch der freie, sich seines Selbst bewusste Einzelne!
Jesus war so ein Selbst-bewusster, der anderen die Freiheit brachte, sich selbst zu sein. "Menschwerdung Gottes" korreliert mit der "Menschwerdung des Menschen".
Das wesentliche und heikle Unterfangen des menschlichen Subjektwerdens kann als Prozess der Gotteswirklichkeit selbst verstanden werden.
Dass dieses Unterfangen gelingen möge - bei jedem von uns - das ist mein Weihnachtswunsch 2012!
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Bruno Amatruda ist Religionslehrer an der Kantonsschule Rychenberg
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